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AC102: ein vielversprechender neuer Ansatz gegen Tinnitus

Fast alle experimentellen Tinnitus-Medikamente versuchen, das Gehirn zu beruhigen. AC102 versucht, das Ohr zu reparieren. Bei lärmgeschädigten Tieren stellte eine einzige Dosis verlorene Verbindungen im Innenohr wieder her, und die Anzeichen von Tinnitus verschwanden fast vollständig. Was diese Studie gezeigt hat, wo die Studien am Menschen stehen und was das für diejenigen von uns bedeuten könnte, die seit Jahrzehnten mit dem Geräusch leben.

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Von Diallo Kantambu · Anhand der Primärquellen geprüft, Oktober 2026

Übersetzt aus dem englischen Original.

Stand der Dinge

Entwickler
AudioCure Pharma, Berlin
Tinnitus-Studie an Tieren
Abgeschlossen, deutlich positiv (Rennmäuse, 2025)
Sicherheitsstudie, Phase 1
Abgeschlossen. 42 gesunde Freiwillige; sicher und gut verträglich
Phase-2-Studie
Zum Hörsturz, nicht zum Tinnitus. Seit Januar 2026 als beendet gelistet; keine Ergebnisse veröffentlicht
Tinnitus-Studie am Menschen
Bisher keine
Für Tinnitus zugelassen
Nirgendwo auf der Welt

Vielversprechend bei Tieren, sicher in einer ersten Studie am Menschen, gegen Tinnitus beim Menschen unbewiesen.

Ein anderes Ziel

Fast jedes Medikament, das gegen Tinnitus erprobt wurde, wirkt auf das Gehirn. Antikonvulsiva, Benzodiazepine, Antidepressiva und auch das Primidon, über das ich in einer früheren Ausgabe geschrieben habe, sollen überaktive Nervensignale oder die damit verbundene Belastung dämpfen. Im besten Fall drehen sie die Lautstärke herunter, solange man sie nimmt.

AC102 setzt am anderen Ende an. Der Wirkstoff soll das Innenohr selbst schützen und wiederherstellen, genauer gesagt die winzigen Verbindungen, die sogenannten Ribbon-Synapsen, die die Sinneshaarzellen der Hörschnecke mit den Fasern des Hörnervs verbinden.

Diese Verbindungen sind empfindlich. Lauter Lärm kann sie zerstören, selbst wenn die Haarzellen überleben und der Hörtest normal ausfällt. Fachleute sprechen von verstecktem Hörverlust (Hidden Hearing Loss). Wenn das Gehirn nicht mehr das normale Signal aus dem Ohr erhält, scheint das Hörsystem zum Ausgleich seine eigene innere Verstärkung hochzufahren, und eine führende Theorie besagt, dass genau dieser Ausgleich das ist, was wir als Tinnitus hören.

Wenn das fehlende Signal eine Ursache des Geräuschs ist, könnte seine Wiederherstellung dem Gehirn den Grund nehmen, es zu erzeugen. Das ist die Idee hinter AC102.

AC102 ist ein kleines Molekül aus der Wirkstofffamilie der Pyridoindole. In früheren Tierversuchen verringerte es Entzündungen und Zelltod im Innenohr, verbesserte die Energieversorgung der Zellen dort und förderte das Wachstum von Nervenfasern. Es wird mit einer einzigen Injektion durch das Trommelfell ins Mittelohr gegeben, eingebettet in ein Gel, das bei Raumtemperatur flüssig ist und bei Körpertemperatur fest wird. So liegt es an der Hörschnecke an und wird langsam aufgenommen.

Was die Tinnitus-Studie gezeigt hat

Die Studie erschien im Mai 2025 im International Journal of Molecular Sciences und stammt vom Universitätsklinikum Erlangen in Zusammenarbeit mit AudioCure. Die Forschenden setzten Mongolische Rennmäuse auf einem Ohr lautem Lärm aus: genug, um Ribbon-Synapsen zu zerstören und Tinnitus-Verhalten auszulösen, aber nicht genug, um Haarzellen abzutöten. Anschließend behandelten sie das geschädigte Ohr entweder mit AC102-Gel oder mit demselben Gel ohne Wirkstoff.

Tiere können nicht sagen, was sie hören, deshalb wurde Tinnitus indirekt gemessen. Ein plötzlicher lauter Ton lässt eine Rennmaus zusammenzucken, und eine kurze Stille unmittelbar davor schwächt diese Schreckreaktion normalerweise ab. Ein Tier, dessen Stille von einem Klingeln ausgefüllt ist, erkennt diese Lücke schlechter. Der Test ist weit verbreitet, aber er ist ein Ersatzmaß für Tinnitus, kein Bericht darüber.

Tiere mit Tinnitus-Anzeichen nach der Lärmbelastung

Versuch mit Einzeldosis. Beide Gruppen begannen auf gleichem Niveau; nur die behandelte Gruppe erholte sich.

AC102 (15 Tiere) Gel ohne Wirkstoff (13 Tiere)
Tag 3–4
60 % · 9 von 15
62 % · 8 von 13
Woche 1
20 % · 3 von 15
85 % · 11 von 13
Woche 2
13 % · 2 von 15
77 % · 10 von 13
Woche 5
7 % · 1 von 15
85 % · 11 von 13

Verhaltensmessung bei Rennmäusen, keine Tinnitus-Berichte von Menschen. Quelle: Tziridis et al., Int J Mol Sci, 2025.

Bemerkenswert an dieser Studie ist das Muster. Wenige Tage nach dem Lärm zeigten in beiden Gruppen etwa sechs von zehn Tieren Tinnitus-Verhalten; die Behandlung verhinderte also nicht, dass er entstand. In den folgenden fünf Wochen blieb es bei den unbehandelten Tieren dabei. In Woche fünf zeigte nur noch eines der fünfzehn behandelten Tiere Anzeichen.

Ein zweiter Versuch mit drei wöchentlichen Dosen in einer anderen Tiergruppe wies in dieselbe Richtung: Nach fünf Wochen zeigte noch 1 von 11 behandelten Rennmäusen Tinnitus-Verhalten, gegenüber 6 von 12 unbehandelten.

Bei der anschließenden Untersuchung der Hörschnecken hatten die unbehandelten Ohren deutlich an Ribbon-Synapsen verloren. Die behandelten Ohren hatten weit weniger verloren; in der Gruppe mit drei Dosen hatten sie am Ende sogar etwas mehr Synapsen als das nicht beschallte Ohr derselben Tiere. Auch das Gehör der behandelten Ohren kehrte auf den Ausgangswert oder bis auf wenige Dezibel daran zurück, während die unbehandelten Ohren nach fünf Wochen noch messbar beeinträchtigt waren.

Genau hinsehen

Das sind beeindruckende Ergebnisse, und sie haben Grenzen, die man klar benennen sollte.

Der Stand beim Menschen

Sicherheit. Die erste Studie am Menschen, durchgeführt am Radboud University Medical Center in den Niederlanden und an der Medizinischen Universität Wien, gab 42 gesunden Freiwilligen eine einzige Injektion: 21 erhielten AC102, 21 nur das Gel. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Fast alle hatten etwas Leichtes und Vorübergehendes, vor allem ein Druckgefühl im Ohr, dazu teils Ohrenschmerzen, Schwindel, ein dumpfes Hörgefühl und in einigen Fällen vorübergehenden Tinnitus. Das kam mit dem reinen Gel etwa genauso häufig vor wie mit dem Wirkstoff, und die Forschenden führten es auf die Injektion und das Gel im Mittelohr zurück. Fast alles klang innerhalb einer Woche ab, und das Gehör normalisierte sich bei allen.

Wirksamkeit. Die Phase-2-Studie prüft AC102 beim Hörsturz, nicht bei Tinnitus. Die Patientinnen und Patienten erhalten innerhalb von fünf Tagen nach dem Hörverlust eine AC102-Injektion; verglichen wird mit Kortison-Tabletten, der heute üblichen Behandlung. Die Studie ist doppelblind und für rund 200 Patienten an mehr als 45 Kliniken in Österreich, Deutschland, Tschechien, den Niederlanden, Polen, Serbien und der Ukraine angelegt.

EU-Informationssystem für klinische Prüfungen · 2024-513658-31-00 · abgerufen im Oktober 2026

Status der Studie: beendet. Enddatum: 16. Januar 2026. Keine Ergebniszusammenfassung veröffentlicht.
2022 Studienbeginn
Jan. 2026 als beendet gelistet
0 veröffentlichte Ergebnisse

Das US-Register ClinicalTrials.gov (NCT05776459) ist noch nicht aktualisiert und führt die Studie weiterhin als aktiv. So oder so: Neun Monate nach dem europäischen Enddatum sind keine Ergebnisse veröffentlicht. Das ist nicht ungewöhnlich, denn Unternehmen brauchen oft ein Jahr oder länger, um Studiendaten auszuwerten und zu veröffentlichen. Es bedeutet aber, dass die zentrale Frage, ob AC102 beim Menschen überhaupt wirkt, weiterhin offen ist.

Viele Menschen mit Hörsturz entwickeln auch einen Tinnitus, daher könnten die Phase-2-Ergebnisse einen ersten Hinweis beim Menschen liefern. Eine eigene Tinnitus-Studie ist bisher nicht registriert.

Und Tinnitus, der seit Jahrzehnten besteht?

Diese Frage ist mir die wichtigste, und die ehrliche Antwort lautet: Niemand weiß es.

Lang bestehender Tinnitus ist wahrscheinlich nicht nur ein Problem des Ohrs. Über die Jahre können sich die Netzwerke des Gehirns für Aufmerksamkeit, Gefühle und Hören um das Klingeln herum neu organisiert haben. Selbst wenn AC102 bei einer alten Verletzung einige verlorene Verbindungen wiederherstellen könnte, ist unbekannt, ob dieses neue Signal Muster auflösen würde, die das Gehirn seit zwanzig oder dreißig Jahren beibehalten hat.

Offen ist auch, was AC102 genau bewirkt. In der Rennmaus-Studie ist nicht ganz klar, ob der Wirkstoff Synapsen erhalten hat, die kurz vor dem Absterben standen, oder ob er bereits verlorene neu gebildet hat. Für jemanden, dessen Verletzung lange zurückliegt, ist dieser Unterschied entscheidend. Schutz hilft nicht bei Verbindungen, die vor Jahrzehnten verschwunden sind; Neubildung vielleicht schon.

Trotzdem würde ich die Möglichkeit nicht abtun. Wenn geschädigte Synapsen dem Gehirn weiterhin sein normales Signal vorenthalten, könnte ihre Wiederherstellung auch spät noch helfen, vielleicht nicht, indem sie das Geräusch zum Schweigen bringt, sondern indem sie dem Gehirn einen Grund gibt, es nicht länger zu verstärken. Das ist eine vernünftige Hypothese. Ein nachgewiesener Effekt ist es noch nicht, und nur eine Studie mit Menschen mit chronischem Tinnitus kann sie prüfen.

Was bleibt

AC102 gehört auf die kurze Liste der experimentellen Behandlungen, die es zu verfolgen lohnt. Der Wirkstoff zielt auf eine reale, messbare Verletzung, statt ein Symptom zu überdecken, er hat seinen ersten Sicherheitstest am Menschen bestanden, und seine Ergebnisse bei Tieren gehören zu den stärksten, die ich bei einem Tinnitus-Medikament gesehen habe.

Man sollte aber zwei verschiedene Versprechen auseinanderhalten. Tinnitus direkt nach einem Lärmschaden oder Hörsturz zu verhindern ist das, worauf die Daten hindeuten, und die näherliegende Möglichkeit. Chronischen Tinnitus rückgängig zu machen ist sehr viel unsicherer und wurde überhaupt noch nicht untersucht.

Sobald die Phase-2-Ergebnisse veröffentlicht sind, berichtet Tinnitus Monthly darüber, ob sie gut oder schlecht ausfallen.

Dies ist keine medizinische Beratung. Tinnitus Monthly berichtet über Forschung; es empfiehlt keine Behandlungen. AC102 ist ein experimenteller Wirkstoff, nirgendwo zugelassen und nur für Teilnehmende an klinischen Studien erhältlich. Diallo Kantambu ist weder Arzt noch Audiologe noch zugelassener Heilberufler. Entscheidungen über Ihre Behandlung gehören in die Hände einer qualifizierten Fachperson, die Ihre Krankengeschichte kennt.

Quellen

  1. Tziridis K, Rasheed J, Kwiatkowska M, Wright M, Schlingensiepen R. „A Single Dose of AC102 Reverts Tinnitus by Restoring Ribbon Synapses in Noise-Exposed Mongolian Gerbils.“ International Journal of Molecular Sciences, 2025. doi:10.3390/ijms26115124 · Kostenloser Volltext (auf Englisch): PubMed Central
  2. „Assessment of Safety, Tolerability, Pharmacokinetics, and Volume-Dependent Conductive Hearing Loss in Healthy Volunteers: First-in-Human, Open-Label, Placebo-Controlled Study of a Single Intratympanic Injection of AC102.“ Otology & Neurotology, 2025. doi:10.1097/MAO.0000000000004568
  3. „Efficacy and Safety of AC102 Compared to Steroids in Adults With Idiopathic Sudden Sensorineural Hearing Loss.“ AudioCure Pharma, ClinicalTrials.gov NCT05776459; EU-Studie 2024-513658-31-00. Beide Einträge abgerufen im Oktober 2026.

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